Verlag Franz Schön

Rezensionen

Besprechung aus dem Deutsch-Polnischen Magazin DIALOG, Nr. 113 (2015) zu "Die Welt ist weit, und ich bin jung." Das Leben des Franz-Lorenz von Thadden:

polnische Version


Aus: Die Zeit, Beilage Christ & Welt, 16. Juli 2015


Aus dem Rheinischen Merkur Nr. 7 vom 18.02.2010

Artur Becker ist Schriftsteller, er wurde 1968 in Bartoszyce (Masuren) geboren und lebt seit 1985 in Deutschland.


ROMANTAUGLICH: Otto von Mistelbach, Bischof von Bamberg, empfängt den Herzog von Polen.

Drei Freunde sollt ihr sein

Musketiere auf einer christlichen Bekehrungsmission – Johannes von Thaddens Jugendroman „Greif und Kreuz“ ist ein bravouröses Lehrstück politischer Verständigung.

VON ARTUR BECKER

Bogislaw ist ein Pommer, Jan ein Pole und Maximilian ein Franke: Bei solchen Heldennamen kann es nur um ein mittelalterliches Abenteuer in dem uralten Grenzland Pommern gehen. Eine Liebesgeschichte würde diesem Abenteuer mit Sicherheit guttun, daher sollte sich zu den drei jungen Musketieren noch eine hübsche und kluge Kaschubin namens Anna hinzugesellen. Und damit der ganze Spaß nicht außer Kontrolle gerät, müsste man die Geschichte vor einem ernsten historischen Hintergrund spielen lassen, und dafür bräuchte sie echte Helden, die wirklich gelebt und auf Erden wichtige Spuren hinterlassen haben: zum Beispiel Bischof Otto von Bamberg und der Herzog von Pommern, Wartislaw, die beide 1124 an dem Fluss Warthe tatsächlich aufeinandergetroffen sein sollen.

All das hat sich der 1956 geborene Autor Johannes von Thadden – ein schreibender Politikwissenschaftler, Historiker und Polenkenner – einfallen lassen und seine Ideen zu einem Jugendroman gebündelt, dem er einen richtungweisenden und mehrdeutigen Titel gab: „Greif und Kreuz“. In seinem Buch geht es um die Christianisierung Pommerns, um eine junge Männerfreundschaft und eine fast unmöglich scheinende Liebe zwischen einer Sklavin und einem Heiden.

Herausgekommen ist ein wunderbar lustiger und zugleich ernster Roman, der auf über 270 Seiten den durch die Harry-Potter- und Dan-Brown-Geschichten verwöhnten Durchschnittsleser zu fesseln weiß. In Zeiten der Verschwörungsthriller à la „Illuminati“, die von 14- bis 16-Jährigen überall auf der Welt liebend gern gelesen werden, ist von Thaddens Jugendroman eine Art Therapie oder gar Gegengift: Dieser Autor sagt uns, dass es sich lohnt, den europäischen Prozess der Christianisierung in den Grenzländern wie Pommern, der Kaschubei oder dem Pruzzenland mit den Augen der damaligen Protagonisten – den Autochthonen und den Missionaren - zu betrachten beziehungsweise belletristisch nachzuerleben.

Am Anfang des 12. Jahrhunderts herrschten in Pommern ganz andere Götter als heute, denn wir wissen alle, welche Rolle der Mammon für die Anhebung des Lebensstandards im heutigen Polen, einem neuen EU-Mitglied, spielt. Der wichtigste Gott der Pommern hieß Trieglaff (Dreikopf), der über das Diesseits, das Jenseits (die Unterwelt) und das Himmelreich herrschte: Der heutige polnische Ort Trzyglow ist keine Fata Morgana, sondern ein Siebenhundertseelendorf, und sein Name liefert den Hinweis auf eine ehemalige uralte, historisch verbürgte Kultstätte. Für den Roman „Greif und Kreuz“ spielt die Zahl Drei eine wichtige Rolle, sie treibt die Handlung an: Die jungen Freunde und Krieger Bogislaw, Jan und Maximilian - die drei besagten Musketiere - begleiten den frommen und volksnahen Bischof Otto von Bamberg sowie den polnischen Grafen Paulitzki samt seinen Kriegern auf ihrer gefährlichen Mission durch das wilde Pommernland, das der polnische Herzog und spätere Alleinherrscher Polens Boleslaw III. (auch „Schiefmaul“ genannt) mehr als nur christianisieren wollte. Seine herzoglich-königlichen Großmachtgelüste waren zu jener Zeit jedem bekannt.

Dafür lockte er sogar seinen eigenen Bruder Zbigniew in einen politischen Hinterhalt. Zbigniew wurde geblendet und starb daran. Die Kirche hatte Boleslaw III. zwar eine Buße auferlegt, aber im Großen und Ganzen müssen wir aus heutiger Sicht sagen, dass die Kirche dem Polenherzog gegenüber verdächtig tolerant gewesen ist - wahrscheinlich, weil sie selbst ein großes Interesse daran hatte, dass Pommern christianisiert und damit auch in ihren römisch-katholischen Einflussbereich eingebunden wurde.

Auf dieser gefährlichen Missionstour durch das Pommernland wird der junge Pommer Bogislaw buchstäblich aufgelesen und vor dem sicheren Tod gerettet: Hungrige Wölfe wollten den Jungen zerfleischen. Das ist der Anfang dieses turbulenten Abenteuers in Pommern. Die Freundschaft zwischen dem Pommer, dem Deutschen und dem Polen wird im Laufe der Erzählung immer wieder auf harte Proben gestellt. Der Leser, der längere Atempausen mag, wird mit diesem Jugendroman nicht allzu glücklich werden, da das Buch die Story in rasantem Tempo erzählt: Wir reisen nach Wollin, wir reisen nach Stettin, wir reisen nach Kammin und so weiter.

Wir machen Bekanntschaft mit blutrünstigen oder gutmütigen Heiden und Christen, wir lernen Sklavenhändler (Wikinger natürlich) kennen und die schöne Kaschubin Anna, in die sich sowohl der Franke wie auch der Pommer verlieben. Annas gruselige Lebensgeschichte geht den beiden jungen Männern unter die Haut: Sie ist eine junge versklavte Christin und wird von dem Franken Maximilian freigekauft.

Lustige Geschichten, die sich die Protagonisten meist am Abend und in geselliger Runde erzählen, wechseln mit tragischen ab, sodass selbst das als Gezerot Tatnu bekannte Massaker an den Mainzer Juden von 1096 zur Sprache kommt. Die „bösen“ Heidenpriester Wirtschach und Tribislaw führen ihren eigenen Krieg gegen die christlichen Missionare und ernten beim Leser Sympathie.

Der pommersche Herzog Wartislaw hofft, dass er die Polen überlisten kann, indem er seinen Gott Trieglaff formell gegen den christlichen tauscht. In Wirklichkeit will er nur die Souveränität seines Volkes bewahren, was ihm natürlich misslingt. Interessant ist auch – zumindest für einen polnischen Leser -, dass die polnischen Protagonisten in diesem Buch eben auch als Täter erscheinen, denn so werden sie von vielen Pommern erlebt. Für die polnische Wahrnehmung der eigenen nationalen Geschichte ist dieser - kulturgeschichtlich betrachtet - unabhängige Blick auf Polens Weg seit 966, der Annahme des Christentums, hochinteressant und befreiend, verstehen sich doch die Polen vor allem als Opfer – nie als Täter.

Es ist auch ein Glück, dass der Autor unparteiisch ist und aus dem Bamberger Bischof Otto keinen Heidenfresser macht. Schließlich erzählt dieser Roman den Untergang einer in unserer Epoche längst vergessenen Welt. Somit hat dieses Buch auch leise pädagogisch-kulturgeschichtliche Ambitionen, die Gott sei Dank nicht misslingen – es erzählt uns nämlich vom theologisch-religiösen Gezeitenwechsel, und das moderne Christentum wäre gut beraten, stets daran zu denken, dass neue Religionen sich immer wieder durchsetzten, um alte versteifte und unzeitgemäße Glaubenssysteme abzulösen und zu reformieren.

Es tut einem schon das Herz weh, wenn man als Leser von „Greif und Kreuz“ zuschauen muss, wie sich ein Volk gegen fremde Einflüsse wehrt und um seine Identität kämpft, was von Thaddens Roman im Fall des Grenzlandes Pommern sehr bildhaft schildert – in einer hier und da leicht pathetisch angehauchten Sprache zwar, doch das stört kaum. Dieses unscheinbare Buch ist eine absolut empfehlenswerte Lektüre, zumal ein junges Lesepublikum gegenüber den sogenannten historischen Notwendigkeiten des großen Weltenrades besonders skeptisch ist und die symbolische Aussage des Autors schnell entschlüsseln kann.

Jedenfalls gönnt Johannes von Thadden seinem Jugendroman ein Happy End: Bogislaw und Anna heiraten, Maximilian findet sich mit seinem Schicksal ab, und die drei internationalen Musketiere bestehen ihre Freundschaftsprüfungen, zumal aus Bogislaw, der für die Heidenpriester gekämpft und die Seiten gewechselt hatte, ein Christ wird. Stettin wird unter christliche Kontrolle gebracht, und Otto von Bamberg kann seine Mission als erfolgreich betrachten.

Und zum Schluss eine Abschweifung, die vor allem Historiker interessieren wird: Die polnischen Herrscher - im Mittelalter kluge Militärstrategen, wie es die Kreuzritter- und Jagiellonenschlacht bei Tannenberg (polnisch Grunwald) von 1410 zeigt – besaßen einmal eine interessante Tendenz: Mit Leichtigkeit besiegten sie ihre militärischen Gegner. Doch als es darum ging, die neue Weltreligion, nämlich das Christentum, zu etablieren und für ihre Machtzwecke zu instrumentalisieren, bemühten sie manchmal ihre deutschen Nachbarn und baten sie um Hilfe, was später (viele Jahrhunderte später) zu den zahlreichen und meist Gebietsansprüche betreffenden Konflikten zwischen Polen und Deutschen führte.

Es ist bemerkenswert, dass im säkularisierten modernen Verhältnis der beiden Völker die christliche Missionshilfe der Deutschen von damals so etwas wie eine Fortsetzung gefunden hat, nach 1989 nämlich. Die Polen schafften es für ihre eigene Nation mehr oder weniger allein, den Kommunismus abzusetzen, aber ohne die deutsche tatkräftige Unterstützung bei den schwierigen Vorbereitungen zur Aufnahme Polens in die EU hätte dieses Tortenstück europäischer Geschichte ganz anders geschmeckt. Was für eine zauberhafte und gleichzeitig merkwürdige Nachbarschaft wir doch haben! Johannes von Thaddens Buch ist dafür ein Beweis.

Greif und Kreuz, ein Roman von Johannes von Thadden
Stefan Zajonz, Bad Godesberg

Stefan Zajons, Schriftsteller, geb. in Lublinitz / Polen lebt in Bonn

In einer Zeit wie unseren, deren prägendes Stilmittel die Schlagzeile und das fett Gedruckte sind,
ist dieses Buch ein selbstgenügsames und erholsames Lesevergnügen, geeignet für Kinder und für Erwachsene. Was macht diesen Roman, was macht ein Buch überhaupt interessant? Zwei Faktoren, die dafür plädieren, möchte ich nennen: Erstens, es ist eine gut erzählte Geschichte; Zweitens, es ist die verlegerische Leistung. Hier finden wir die Übereinkunft von beiden, ergänzt durch kleine Illu-strationen von Sibylle Oeler. Das Ergebnis davon ist ein gelungenes, historisch narratives Werk, das an die bestehende Tradition in den deutsch-polnischen Beziehungen anknüpfen will – und ein Buch, das die Fortdauer der sich stets wandelnden Verhältnisse sichtet und sichert. Greif und Kreuz ist eine kenntnisreiche und gut erzählte Historie, die die Grenzsituation und, eine nicht einfache Beziehung erkundet, und sie im Zeitkolorit dokumentiert; schließlich ein Fall, der die Freundschaft zwischen Deutschen und Polen beweisen und verteidigen will, vor dem politischen und religiösen Hintergrund. Johannes von Thadden schafft es aber auf sehr persönlichen UmWegen. Auch im Nachwort gibt der Autor sich zum besten zu erkennen als jemand, den die Zeitgeschichte persönlich anspricht, besonders heute unter Mitgliedern der Europäischen Union. Mit seinem Buch stellt der Autor sich selbst zu den Dialogpartner der auf unserem gesellschaftlichen Bewusstsein gründenden Kulturen-wanderung gemeinsam mit Karl Dedecius, Marion Gräfin Dönhoff, Wolfgang Koeppen, Klaus Bednarz, Ritta Süssmuth und Siegfried Lenz. Eine Reihe also von tätigen Menschen, für diese die Information und der Dialog Bindemittel für eine Symbiose sind, und keine nur selbstkritische Relativierung.

18.02.2010 Anzeigenkurier Pasewalk / Greifswald
Barbara Möller

Eine Möglichkeit, sich mit der Geschichte Pommerns zu beschäftigen
Die Missionsreise von Bischof Otto 1124

Bonn (AK/bm). Dieses Buch sollte unbedingt von hinten gelesen werden: Im Nachwort zeigt der Autor auf, dass das Leben selber die spannendsten Geschichten schreibt. Und so war es im Jahre 1123, als der polnische Herzog Boleslaw III. den Bischof von Bamberg um die Bekehrung der Pommern zum Christentum bat. Bischof Otto als mutiger Mann nahm den Auftrag zur Bekehrung der Pommern an. Wie er die gefährliche Mission als frommer Christ und kluger Diplomat ab 1124 meisterte, genau das lässt uns die Romanhandlung nacherleben: Im Mittelalter war es nämlich ein Abenteuer, durch dichte Urwälder zu reisen, was mit vielen Gefahren für Leib und Leben verbunden war. Die Zeittafel am Ende des Buches, beginnend mit dem Treffen von Kaiser Otto III. und Boleslaw dem Tapferen von Polen im Jahr 1000 und endend 1189 mit der Heiligsprechung von Bischof Otto, ist ein gutes Gerüst für das Verständnis der Handlung im Buch. Ebenfalls das gut sortierte Personenregister mit Pommern, Kaschuben, Franken, Polen und weiteren Personen hilft dabei, jenes Abenteuer verständlich zu machen. Auch die Liebe fehlt nicht: „Greif und Kreuz“ schildert, wie in der Wildnis im damaligen Pommern zwei angehende Ritter aufeinander treffen. Es sind Maximilian aus dem Frankenland und Jan aus Polen, die auf den jungen pommerschen Krieger Bogislaw stoßen. Inmitten eines drohenden Krieges zwischen Polen und Pommern und dem Bemühen, die heidnischen Pommern für das Christentum zu gewinnen, entwickelt sich zwischen den dreien eine Freundschaft, die viele Gefahren, aber auch das Ringen um ein schönes Mädchen, nämlich um Anna aus der Kaschubei, zu bestehen hat. „Greif und Kreuz“ bietet geschichtsträchtige Unterhaltung nicht nur für lange Winterabende im eingeschneiten Ort und fernsehlose Ferientage. Der Autor berührt dabei zudem ganz aktuelle Themen: die Bedeutung von Religion und die Gefahr, dass diese politisch missbraucht wird, aber auch das Spannungsverhältnis zwischen nationaler Identität, Unabhängigkeit und Unterdrückung. Schließlich eröffnet der Roman ein besseres Verständnis für die deutsch-polnischen Beziehungen in einem vereinten Europa. Hungrige Wölfe, sklavenjagende Wikinger, Niedertracht, Verrat und Liebe machen „Greif und Kreuz“ zu einem Buch für Kinder, Jugendliche wie für interessierte Erwachsene. Spannend ist auch die Vita des Autors: Johannes von Thadden, geboren 1956, lebt mit seinen drei Kindern in Berlin. Er studierte Volkswirtschaft, Geschichte und Politik in Saarbrücken und Seattle, USA. Sein besonderes Interesse bei Studium und Promotion galt der Geschichte und Gegenwart Polens. In der Deutsch-Polnischen Gesellschaft engagiert er sich für eine gemeinsame Zukunft der Menschen beider Länder in einem vereinten Europa. Seit 2003 war Johannes von Thadden stellvertretender Generalsekretär der Konrad-Ade- nauer-Stiftung und von Januar 2004 bis 2007 Bundesgeschäftsführer der CDU. Zum 1. März 2007 wechselte er zum Raumfahrtunternehmen EADS Astrium in Deutschland. Sein Aufgabengebiet dort ist die Leitung des neu aufzubauenden Bereichs „Politische Beziehungen“.